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Huch!

Beethoven!


Manfred & Detlef

Detlef faltete die Augsburger Allgemeine wieder zusammen und holte die Kartoffelchipstüten aus seiner Aktentasche. Vorsorglich hatte er gleich zwei Tüten besorgt, der Abend konnte lang werden.

"Nun steig schon aus." Manfred klopfte an die Fensterscheibe. "Die Kollegen sind alle fort."

Detlef öffnete die Türe. "Na, dann wolln wir mal, nicht?"

"Ja, komm schon. Das wird bestimmt wieder mal ein toller Abend."

"Ganz bestimmt. Und schau mal, was ich mitgebracht habe."

Manfred machte große Augen. "Uh. Kartoffelchips. Und sogar zwei Tüten diesmal."

Detlef strich sich die Haare über den Glatzenansatz. "Und jetzt schau noch mal genauer hin." Er drehte die Tüte um. "Das sind nicht so billige dünne Chips wie beim letzten mal. Das sind die guten aus dem Aldi."

Manfred nickte anerkennend. "Na, du bist mir heute wieder mal so ein Gönner, du."

Detlef schloß die Türe ab.

"Aber sag mal, wo hast du denn die Getränke?"

Detlef hatte diese Frage schon befürchtet. "Och, ich hatte mir gedacht, wir könnten ein paar Gläser von deinem leckeren Mineralwasser trinken." Er schaute Manfred ins Gesicht. "Weißt du was? Dein Mineralwasser ist einfach das beste."

"Ach? Na gut." Etwas traurig schlenderte Manfred auf die Eingangstüre zu.

Manfred kam mit zwei Glasschalen aus der Kantine zurück. "Da müssen wir heute nicht um die Chips streiten, weißt du?"

"Oh, das ist sehr fürsorglich von dir", mußte Detlef anerkennen.

"Ja. Aber schließlich warst du es ja, der die Chips mitgebracht hat. Also sind wir heute schon beide zueinander sehr fürsorglich gewesen."

Detlef setzte sich auf den Bürostuhl und seufzte: "Ach ja. Wie schön kann das Leben doch sein, wenn man solche Freunde hat."

"Jaja", stimmte Manfred zu. "Wenn nur alle Menschen so wären wie wir beide. Aber leider..."

"Tja, die Menschen sind böse, Manfred. Das weiß niemand so gut wie wir."

Manfred öffnete die Chipstüte. "Nun komm schon. Laß die Menschen jetzt mal böse sein, wir haben doch uns beide."

"Und unsere Kartoffelchips", ergänzte Detlef. "Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen, das sag ich Dir."

"Na, dann hau mal rein. Ich hole inzwischen das Mineralwasser."

Wonnig stürzte sich Detlef auf die Kartoffelchips. Aus der Kantine hörte er den Wasserhahn.

"Na, wie sind die Chips?" Manfred stand wieder in der Türe und hielt zwei Gläser in der Hand.

"Manomann, das sind noch richtige Kartoffelchips. Das sag ich dir."

"Toll. Ich kann es kaum noch erwarten, die Chips zu probieren. Aber vorher..." Er machte wieder ein ernsteres Gesicht. "Zur Gläserverteilung!"

"Genau. Nicht daß wir nachher wieder im Eifer des Gefechts die Gläser vertauschen."

"Eben. Es ist doch irgendwie eklig, wenn einer aus dem falschen Glas trinkt." Er hielt Detlef die Gläser hin. "So, ich überlasse Dir die erste Wahl."

"Oh, vielen Dank. Ich weiß das zu schätzen. Aber nun laß mich mal schauen..." Detlef kratzte sich am Bart. "Also das eine ist ein bißchen größer. Aber das andere hat so ein lustiges Bildchen drauf. Wer ist denn das?"

"Lisa Simpson von den Simpsons."

Detlef lächelte. "So eine lustige Comicfigur. Ich sag Dir, das ist das Glas das ich haben will."

Manfred sah ein klein wenig enttäuscht aus. "Dann nehm ich halt das große Glas. Da ist ja auch mehr Wasser drin."

"Eben. Dann mußt du heute schon nicht so durstig sein. Jetzt probier aber mal die Chips."

"Au fein. Jetzt will ichs wissen!" Vorsichtig langte er in die Schale. Detlef schaute gespannt zu. "Manometer. Ja wirklich. Das ist kein Vergleich zu den letzten Chips."

"Siehste."

"Endlich mal wieder was Richtiges in den Magen. Also in letzter Zeit..." Manfred schüttelte den Kopf. "Weißt du, meine Frau setzt mir nur noch Grünkram vor."

Detlef schmunzelte verkniffen. "Na, da bist du auch selbst ein bißchen Schuld daran."

"Jaja, gehst du zum Weib, vergiß Die Peitsche nicht. Ich hätte mich nicht so gehen lassen sollen."

"Eben. Sind wir Männer, oder was?"

"Wollen wir schon anfangen?" Detlef stopfte sich eine größere Portion Chips in den Mund.

"Du kannst es wohl wieder kaum erwarten?", neckte ihn Manfred freundschaftlich.

"Ja, ich bin schon ganz nervös", sagte Detlef schmatzend. "Die journalistische Neugierde, du verstehst schon."

"Na gut." Manfred nahm sich den anderen Bürostuhl. "Wird auch mal wieder Zeit für eine richtig gute Story über den großen Kriminalhauptkommissar und seinen Kampf gegen das Böse. Schalt schon mal den Computer an."

Detlef drehte sich herum und beugte sich zum Minitower hinab. Ein verhaltenes Entsetzen stand in seiner Stirn.

Auch Manfred blickte jetzt unter den Tisch und zuckte kurz zurück. "Nene, die sind nicht von mir." Nervös schüttelte er den Kopf. "Ich hab keine Flasche angerührt. Das schwör ich dir. Keine Ahnung wie die wieder da hingekommen sind."

Detlef schaltete den Computer ein. "Ich mach dir keinen Vorwurf. Du hast ja auch einen verdammt schwierigen Job."

"Den haben wir beide", ergänzte Manfred.

"Oh ja." Detlef kratzte seinen Bart. "Der Kampf gegen das Böse ist ein Weg des Leidens. Aber was wäre, wenn es keine Menschen wie uns gäbe, die diesen Weg gingen?"

"Wem sagst du das? Manchmal macht mich dieser Job fix und fertig."

"Kann ich verstehen. Nachdem wir uns das letzte mal getroffen hatten, habe ich nächtelang von diesen schlimmen Bildern geträumt."

"Das geht mir nicht anders. Ich kann bereits seit Jahren schon an nichts anderes mehr denken und sehe das Zeugs, wenn ich nur die Augen schließe."

"Ein Scheißjob. Nur gut, daß niemand dazu gezwungen wird."

Manfred nickte. "Das hat schon seinen Sinn, daß das Leute wie wir machen, die sich freiwillig dazu entschieden haben, denn..." Er blickte auf den Computer.

"Das Paßwort, Manfred"

"Uh, laß mich nachschauen." Er kramte in seiner Brieftasche. "Du mußt wissen, ich wechsele mein Paßwort zweimal täglich. Die Welt ist voller böser Menschen und das gilt selbst für meine Abteilung. Kaum daß ich das Büro verlasse, kommen sie alle. Sie bringen alles durcheinander, sie dringen in den Computer ein und stellen die Möbel um. Und das sind nicht nur Menschen, die das tun, sondern auch winzig kleine..." Er zog etwas aus der Brieftasche heraus. "Aaaah, die mußt du unbedingt mal sehen."

"Uh, wie niedlich. Ist das deine Tochter?"

"Hehe", sagte Manfred stolz. "Schau doch nur, sie ist schon eine richtige kleine Frau."

"Hast du das letztes Jahr aufgenommen?"

"Genau. Das war im August in Korsika." Er kramte weiter in seiner Brieftasche. "Ah, und da ist auch schon das Paßwort."

"Mann, geht das lang bei dir. Hab ich dir schon mal erzählt, daß ich bei AOL nur drei Mausklicks brauche, um böse Bilder zu finden?"

"Jaja, das hast du." Manfred mußte grinsen. "Aber wir sind hier nicht im Fernsehen. Laß deine eigenen Bildersammlungen heute mal aus dem Spiel."

Detlef mußte laut lachen. "Du hast mich in der Hand Kumpel. Was ´n Glück, daß wir so gute Freunde sind."

"Eben", nickte Manfred zurückhaltend. "Aber heute geht es um meine Arbeit hier. Ich gehe jetzt mal in den Chatkanal, wo die bösen Leute sind."

"Super. Da sind ja schon einige. Das hast du fein gemacht. Jetzt solltest du vorsichtig Kontakt zu den Anderen aufnehmen und eine Vertrauensbasis herstellen. Und sobald sie bereit sind, mit dir zu tauschen, kannst du sie dir schnappen!"

Manfred verzog einen Mundwinkel. "Jetzt bist du es aber, der zu umständlich ist. Kontakte zu diesen Leuten habe ich längst aufgebaut." Er startete den Windows Explorer. "Hier schau. In diesem Verzeichnis ist mein Tauschmaterial."

"Mmh. Lecker."

Manfred blickte Detlef mit leicht verkniffener Miene an.

"Also dieser Kartoffelchip war nun wirklich ganz besonders lecker. Das kann ich dir sagen!"

"Du Scherzkeks. Komm schon und such dir mal was aus. Wir brauchen gutes Tauschmaterial, um die bösen Menschen zu schnappen."

"Äh, ne. Das sind ja lauter Buben. Wo ist denn dein Mädchenverzeichnis?"

Manfred bewegte den Scrollbalken weiter. "Hier unten."

"Ah, das ist schon viel besser. Oh das ist gut. Sehr gut", sagte Detlef.

"Aber natürlich..." flüsterte ihm Manfred zu.

"Aber natürlich böse und schrecklich." Detlef nickte ihm zu. "Manfred, ich denke, dieses menschenverachtende Material hier könnte gut benutzt werden, um die bösen Leute zu überführen."

"Nun gut. Ich schicke das dem hier." Manfred zeigte auf einen der Namen im Chat. "Das ist schon länger ein zuverlässiger Tauschpartner von mir in solchen Angelegenheiten." Er betätigte ein paar Mausklicks. "Sicherlich kommt gleich Tauschmaterial zurück."

"Uh, ich bin ja so gespannt was da zurückkommt."

"Geduld. Der Mann ist normalerweise sehr flott."

"Wenn es bloß keine Jungs sind." Nervös trippelte Detlef mit den Fingern auf dem Computertisch.

"So, da ist es schon." Manfred öffnete das Bild. "Na, was sagst du dazu?"

"Das Bild ist böse und schrecklich!", sagte Detlef stolz.

"Richtig." Zustimmend schüttelten sie sich die feuchten Hände.

Detlef kam von der Toilette zurück. "Jetzt zeig mir aber mal, wie du den bösen Menschen vor Gericht bringst."

"Normalerweise", sagte Manfred zögerlich, "würde ich dir das gerne zeigen. Aber dieser Fall wäre hierzu, ähm, eher weniger gut geeignet."

Detlef sagte nichts.

"Du mußt wissen." Manfred kratzte sich an einer kahlen Stelle seines Bartes. "Die bösen Menschen, also die wirklich bösen Menschen, machen nur einen Teil derer aus, die in diesem Kanal Bilder tauschen. Mein Tauschpartner von eben ist Kriminalkommissar in Italien und auch nur auf der Suche nach bösen Menschen im Internet. Wir tauschen öfters miteinander, damit wir in diesem Kanal glaubwürdig bleiben und wegen der internationalen Zusammenarbeit und so. Das ist schon wichtig, du verstehst?" Manfred zeigte auf einige Namen auf dem Monitor. "Der hier kommt zum Beispiel aus Großbritannien, der dort aus Österreich und diese drei sind aus Bayern."

"Boh", machte Detlef. "Da soll noch mal einer sagen, die Kripo wäre bei solchen Themen hinterm Mond."

"Ja, gell. Da tut sich schon so einiges inzwischen und ich sag dir, unser Netzwerk wird immer besser. Jeden Monat kommen neue Beamte dazu und damit auch neues Tauschmaterial. Es kann ja nicht sein, daß wir immer die selben Bilder anbieten, um unsere Täter zu überführen. Da würde bald keiner mehr mit uns tauschen."

Detlef erhob den Zeigefinger. "Das finde ich sehr wichtig. Aber vielleicht sollten wir nun doch noch einen der anderen Chatteilnehmer zur Strecke bringen." Detlef zeigte auf einen der anderen Namen.

"Hm. Eigentlich immer gerne. Aber heute ist irgendwie ein schlechter Tag. Ich sag dir, mit denen, die heute da sind, hab ich schon getauscht. Weißt du, da sind auch viele Kinder im Internet unterwegs, die neugierig auf solche Kanäle sind. Verstehst du, die sind strafunmündig und so. Da können wir gar nichts machen. Da war zwar ein Zwölfjähriger, der echt seltenes Material hatte, aber ich hab besser aufgehört, mit ihm zu tauschen, ist nicht gut für den Ruf der Kripo und so. Nene, da laß ich lieber die Finger von."

"Na gut", sagte Detlef etwas traurig. "Dann können wir heute wohl nicht mehr viel machen."

"Glaub ich auch. Meine Chips sind auch schon alle."

"Aber wir sollten uns bald wieder mal treffen. Ich möchte ja so einen richtig sauber recherchierten Artikel schreiben. Das ist die Pflicht eines jeden guten Journalisten. Da wirst du mir wohl noch so einiges von deiner Arbeit zeigen müssen."

"Was ist mit deinem Rest Kartoffelchips?"

"Die nehme ich nicht mit. Iß du sie."

"Oh vielen Dank. Das werde ich dir nicht so bald vergessen."

"Wofür hat man denn Freunde?" Detlef zwinkerte ihm zu und ging nach Hause.




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