Andreas Mettler
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Über Wärmflaschen und Fertigsuppen

Delikatessen aus Tchernobyl
Delikatessen aus Tchernobyl

Die Idee, man müsse das Mindesthaltbarkeitsdatum für Lebensmittel nicht so genau nehmen, bekommt immer mehr Anhänger. Das verstehe ich nicht. Dieses Datum ist die Garantie, dass meine Nahrung nicht verdorben ist. Was sind meine Lebensmittel ohne diese Garantie noch wert? Neulich habe ich eine Wurst gegessen, die überschritten war. Sofort habe ich Magenkrämpfe bekommen und musste zur Toilette rennen. Nicht sofort nach dem Essen, aber unmittelbar, nachdem ich das Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung gesehen hatte. Man muss nicht zum Lebensmittelverschwender werden, wenn man die Mindesthaltbarkeit genau nimmt. Sonst sterben die Kinder in Afrika.

Ich neige dazu, bis kurz vor Mitternacht sämtliche ablaufende Inhalte meines Kühlschranks in meinem Magen zu entsorgen, gerade noch rechtzeitig, bevor sie giftig werden. Oft passen die einzelnen Nahrungsobjekte auch überhaupt nicht zusammen und schmecken in ihrer Summe ganz fürchterlich. Ich sitze mit der Uhr am Tisch und hinterher ist mir fürchterlich übel. Aber dann habe ich es geschafft. Für Brot gibt es kein Haltbarkeitsdatum. Das esse ich deshalb auch gerne in grüner Farbe. Das bleibt ewig frisch!

Ein Viertel meiner Gene sind schwäbischer Natur und so funkeln meine Augen immer voller Stolz, wenn ich meine Lebensmittel-Klappbox auspacke, deren Inhalt hauptsächlich aus weißen Verpackungen mit den Aufschriften „Ja“, „Tip“ und „Gut & günstig“ besteht. Dann habe ich dem Kapitalismus wieder ein Schnippchen geschlagen. Manchmal fahre ich viele Kilometer mit dem Auto, damit mir das gelingt. Meine innere Sparkasse klingelt dann dreimal: Bein Einkauf, beim Verspeisen und vor allem beim Entsorgen in den gelben Sack. Ein vollständig abgeschlossener gelber Sack ist wie eine erledigte Arbeit. Der Beweis, dass ich existiere. Ich produziere Plastikmüll, also bin ich. Wenn ich den gelben Sack auf die Straße stellen muss, drehe ich ihn natürlich immer so, dass meine Nachbarschaft nur die teuren Produkte sieht. Das ist manchmal gar nicht so einfach, die weißen Verpackungen drängen sich immer nach vorne.

Vermutlich ernähre ich mich recht gesund. Ich habe gehört, dass Gemüse wie Broccoli, Rosenkohl und Blumenkohl dabei helfen, niemals Krebs zu bekommen. Nun esse ich solche Sachen fast jeden Tag. Und bekomme hinterher auch keinen Krebs. Insbesondere Rosenkohl schmeckt eigentlich nicht so, dass ich mir vorstellen kann, dass die Menschheit von selbst auf die Idee gekommen ist, sowas zu verspeisen. Aber in der richtigen Soße schmeckt alles gleich. Eigentlich weiß ich nicht, was eine Soße ist. Ich kaufe Fertigsoßen, die ausschließlich aus Geschmacksverstärkern bestehen. Und ich habe nichts dagegen. Die Nahrungsmittelindustrie hat schließlich die Geschmacksverstärker erfunden, damit es mir besser schmeckt. Für den Rosenkohl. Und damit die Nudeln nicht so schnell kalt werden. Wenn ich mir eine Packung Gummibärchen gönne, kann ich mich doch auch nicht über künstliche Geschmacksstoffe beklagen.

Meine Mittagspause verbringe ich fast jeden Tag mit Susanne Conrad vom ZDF Mittagsmagazin. Sie hat in jeder Sendung einen anderen Ernährungsexperten zu Besuch. Und jeder erzählt mir was Neues. Vermutlich sind die größten Risikofaktoren unserer Ernährung tatsächlich Broccoli, Rosenkohl und Blumenkohl.

Manchmal sitze ich noch nach Mitternacht am Tisch und verspeise eine Fünf-Minuten Suppe. Nicht etwa weil ich diese vor ihrem Haltbarkeitsdatum schützen möchte. Sondern weil ich schon dement auf die Welt gekommen bin. Als Schwabe spare ich leidenschaftlich gerne Heizkosten und setze Nachts primär auf die Wärmflasche. Und fülle das kochende Wasser aus dem Wasserkocher dann anschließend nicht in die Wärmflasche, sondern gedankenverloren in eine Plastiksuppe. Und sitze am Tisch und frage mich, warum ich immer noch nicht im Bett liege.

geschrieben 2014 von Andreas Mettler. Veröffentlicht: 23.01.2014

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